Püppi springt über ihren Schatten

Aktualisiert: Mai 5

Große, dunkel Augen schauen mich besorgt an, als ich zur Begrüßung vor die Box trete. Eine wache, sensible braune Stute steht mir gegenüber. Durchaus an Menschen interessiert. Nicht ängstlich, eher besorgt und sehr fein. Nachdem ich die Stallgasse vor ihren Augen auf Sicherheit geprüft habe, begrüße ich sie ausgiebig und bespreche dabei gleich auch die Themen persönlicher Raum und Sicherheit mit ihr. Ich signalisiere ihr, dass ich mich auskenne mit der Raumsprache und dass ich bereit bin Verantwortung zu übernehmen. Daraufhin trete ich zurück und gönne uns eine erste kurze Pause. Sie schaut nachdenklich aus, aber auch ein bisschen beruhigt und wendet sich wieder ihrem Heu zu. Ich checke noch mal die Umgebung. Und bespreche mich mit der Besitzerin. Sie hatte mich gerufen, wie ihre neue Stute Püppi sich nur unter allergrößter Mühe und Zeitaufwand und mit Verletzungsrisiko aus der Box führen lässt. "Steht sie dann auf der Stallgasse ist das Stalltor die nächste Hürde", sagt die Besitzerin. Von Engpass kann bei dem Tor keine Rede sein, bemerke ich mit einem Blick. "Und an ein Durchgehen durch die schmale Tür zum Paddock ist gar nicht zu denken", schließt sie ihre Erläuterung ab. Ich schlussfolgere daraus, dass es nicht die Enge der Türen, sondern die Übergänge sind, die der Stute Sorgen bereiten. Vielleicht auch beides zusammen. Nach einem erneuten kurzen Hallo gehe ich in die Box um ein paar von Püppis Reaktionen zu überprüfen. Wie verhält sie sich, wenn ich eintrete, wie zu den anderen Pferden recht und links ihrer Box, wie und wo positioniert sie sich zu mir? Ich beobachte und stelle keine Auffälligkeiten fest. Sie ist interessiert an mir, kommuniziert mit den Nachbar-Pferden auf eine Art, die typisch ist dafür, dass sie erst seit 4 Tagen in diesem Stall wohnt. Sobald ich jedoch die Idee zur Türe hinaus gehen zu wollen verkörpere, verliere ich die Verbindung zu ihr. Ich bemühe mich bewusst zu atmen und uns beide über eine bisschen Sozialpflege wieder zu entspannen. Dann probiere ich aus, wie Püppi auf das Halfter und Seil reagiert. Ebenfalls unauffällig. Ich zeige mit der Hand in Richtung Gurtzone und drehe sie in der Box um mich herum. Geht. Ein Schritt rückwärts ebenfalls. Andersherum. Geht auch. Ich unterhalte mich mit der Hinterhand. Nichts auffälliges. Ich werde in bisschen unruhig und verliere sie wieder. Wahrscheinlich bin ich einfach ein bisschen zu schnell vorangegangen. Ich mache noch mal eine Pause und erkläre der Besitzerin, wie weit ich gekommen bin. Nun nehme ich das Gespräch übers Herausgehen wieder auf. Ich stehe draußen und habe Püppi am langen Seil am Halfter. Ich lasse jede Bewegung von ihr zu. Begrenze sie soweit möglich nicht. Das Halfter dient als Sicherheit für sie, weil die Besitzerin mir signalisiert, dass sie Sorge hat, dass Püppi bei offener Boxentüre und ohne Halfter panisch auf die Stallgasse springen und sich verletzen könnte. Ich atme wieder bewusst und schaue mir zwischendrin immer wieder alles mögliche auf der Stallgasse an.

"Wer über seinen Schatten springt, wird staunen, was ihm dann gelingt. Das gibt den Tieren Mut und Kraft, mal sehen, was nun jedes schafft." (Trau dich, spring über deinen Schatten, Uli Geißler, Günther Jakobs)

Dann gehe ich zwei Schritte in die Box und mit betont lauten Schritten auf die breite Stallgasse. Keine auffällige Reaktion von Püppi. Auch nicht, als wir die anderen Pferde auf den Paddock lassen, um den Ablauf nicht durcheinander zu bringen. Das Geklapper der Hufe auf der Stallgasse scheint auch nicht ihr Problem zu sein. Also atme ich wieder um uns beide zu entspannen. Jedes Mal, wenn ich ein bisschen zuviel vorwärts denke verspannen wir uns beide und ich verliere die Verbindung zu Püppi. Ich kaue Möhren und gebe ihr hin und wieder eine ab. Das hilft uns ebenfalls uns zu entspannen. Die Besitzerin geht in die Sattelkammer um uns Nachschub zu holen und. Und plötzlich, schwupps ist sie draußen. Ohne Panik, ohne ausrutschen und begutachtet die Stallgasse so, wie ich das zuvor getan habe. Die Besitzerin kommt zurück und blickt erstaunt. Nachdem ich Püppi Zeit gegeben habe die Stallgasse zu inspizieren, habe ich die Idee mit ihr raus zu gehen und einen kleinen Spaziergang auf dem Hof zu machen, der ja auch noch neu für sie ist. Gesagt getan- komme ich nur bis zum großen Tor. Hier stehen wir wieder. Ein komisches Gefühl für mich, denn es ist nicht wahrzunehmen, was Püppi irritiert. Auf die gleiche Weise wie zuvor mit der Boxentüre meistern wir auch diese Hürde nach naja, ca. 10 Minuten. Im Vergleich zu den 2 Stunden, die die Besitzer zuvor benötigt hatten, um sie aus dem Stall zu holen kein schlechter Schnitt. Wir spazieren ein bisschen auf dem Hof herum, während ihr "Bett" aufgeschüttelt wird und kehren dann zurück in den Stall. Stalltor 5 Minuten höchstens, Boxentüre vielleicht noch 2. Damit beende ich die Einheit. Püppi steht entspannt in ihrer Box und mümmelt Heu. Wir sind glücklich. Von den Besitzern höre ich am glichen Tag, dass sie mittags zum Hufeisen abnehmen auf der Stallgasse stand. Herausholen hatte mit den Erfahrungen vom Vormittag und den Instruktionen, die ich gegeben habe, nur noch wenige Minuten gedauert. In den nächsten Tagen verbesserte sich alles noch weiter. Alles ohne Druck - ganz im Gegenteil. Dieses gemeinsame Erfolgserlebnis hat nicht nur uns Menschen, sonder auch Püppi persönlich gestärkt und einen ersten Grundstein für das Vertrauensverhältnis zu den neuen Besitzern geschaffen. Wenn Pferde uns das Leben durch Verhaltensauffälligkeiten schwer machen, dann tun sie das nicht, weil sie gegen uns sind, sondern weil sie einfach nicht aus ihrer Haut können. Indem ich Püppi gezeigt habe, dass ich als Mensch Verantwortung übernehme und es auf der Stallgasse und draußen für sie sicher ist, konnte sie über ihren Schatten springen und sich überwinden mir zu folgen.


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  • und pädagogisch wertvoll ;) "Trau dich, spring über deinen Schatten" Uli Geißler, Günther Jakobs Kinderbuch Loewe Verlag

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