Von Pferden lernen - neuromantisch oder verletzlich?

Aktualisiert: Mai 17

Von Pferden zu lernen klingt ein bisschen nach Ponyhofromantik. Sanft stupst mein Pferd mich hin zur Lektion, die ich lernen kann und gehe beglückt und im Einklang mit mir und meinem Pferd nach Hause. Geht Lernen mit Pferden so?


Die gute Nachricht: ja, das solche Momente gibt es wirklich. Die andere gute, aber unbequeme Nachricht: Meistens ist es anders...Wir wollen beleuchten, wie das eigentlich geht von Pferden zu lernen.



Und dazu schlagen wir einen kleinen Bogen zu den Kindern: "Eine neuromanische Kultur erkennt Jesper Juul, schwedischer Familientherapeut, in vielen Familien. Ist dieser ist die Folge des Wegfalls der autoritären Erziehung?" Schreibt das Focus Magazin Nr. 22 (2013)


"Mit Kindern ist die autöritäre Erziehung längst überholt und eine Kultur, uns Eltern die Bürde aufzulegen, immer lieb, verständnisvoll und sanft mit unserem Nachwuchs zu sein tut sich auf. Konflikte sind uncool. Der schwedische Bestsellerautor vermutet, dass wir uns derzeit in einer Art Interimsphase befinden, in der wir auf die repressiven Erziehungsmethoden der Vergangenheit mit einer Übersprungshandlung reagieren. Wir fallen demnach von einem Extrem ins andere."


Ich glaube bei den Pferden sind wir grade in einer vergleichbaren Situation. Bis vor ein paar Jahren war ein autoritärer Erziehungsstil Pferden gegenüber dominierend in der Pferdebranche, Selbstreflexion gleich null. Heute boomt ein riesiger Markt mit alternativen Herangehensweisen.Das ist eine fantastische Entwicklung. Jedoch wird uns Pferdemenschen ganz häufig und wie ich finde "neuromantisch" der Eindruck vermittelt, dass alles nur schön und leicht ist mit Pferden, und falls es das nicht ist, dann reden zumindest wir selbst uns sehr schnell ein, dass mit uns etwas nicht stimmt. Der "Facebookeffekt" sozusagen.


Diese romantische Idealisierung suggeriert uns beispielsweise, dass wir in permanenter Harmonie uns stetig gemeinsam mit unserem Pferd weiter entwickeln können. Friede. Freude. Eierkuchen. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Ich hatte mal wieder ein solches Buch in den Händen und gehe hoch motiviert zu meinen Pferden. 10 Minuten später bin isch total frustriert. "Angeblich ist es doch ganz einfach, warum bekomme ich es nicht hin?" Mit Ach und Krach manövriere ich mich wieder aus dieser Stimmung heraus und gehe trotzdem mit gemischten Gefühlen nach Hause. Erstmal sacken lassen und dann nachdenken ist meine Strategie. Am nächsten Tag fällt der Groschen, dass ich mal wieder in die gleiche Romantik-Falle getappt bin, wie schon so oft.


Wir blenden häufig aus, dass persönliche Entwicklung sich meist erstmal unangenehm anfühlt. Denn um zu lernen müssen wir als erstes unsere Komfortzone verlassen und das macht uns verletzbar. Wenn ich mir dessen nicht wusst bin und erwarte es fluppt alles gleich beim ersten Mal, dann bin ich geneigt den Prozess des Lernens zu unterbrechen, indem ich mich wieder in die gewohnten Muster zurück flüchte.


Wenn wir genau hinsehen, welche Emotionen eigentlich im Spiel sind, wenn wir im Begriff sind zu wachsen, finden wir an allererster Stelle Verletzbarkeit, dicht gefolgt von Scham. Beides nicht gerade meine Liebligsemotionen, jedenfalls nicht, wenn es ums Spüren und Erleben ebendieser geht. So ähnlich sieht es auch Brene Brown. Trotzdem ist sie Scham und Verletzlichkeitsforscherin geworden.


LESE-TIPP

Ich möchte dir zu dem Thema eins meiner Lieblingsbücher ans Herz legen: "Verletzlichkeit macht stark" von Brene Brown.


Verletzlichkeit taucht immer da auf, wo wir unsere Komfortzone verlassen. Damit unterschiedet sie sich von der Systematik anderer Emotionen, die in der Regel dazu dienen, dass wir etwas ändern (bei Angst zum Beispiel geht es immer darum uns in Sicherheit zu bringen). Unseren Umgang mit Verletzbarkeit hingegen können wir trainieren, wie einen Muskel, denn persönliche Entwicklung kommt nicht ohne sie aus. Wenn ich mich einer neuen Herausforderung stelle, fühlt sich das meist erstmal gar nicht gut an. (Verletzbarkeit ist eins der unangenehmsten Emotionen der Emotional Message Chart von Linda Kohanov.) Lege ich schnell die Kehrtwende ein, wenn ich an dem Punkt bin, an dem es unangenehm wird,kehre zurück auf meine Couch (Komfortzone), dann beraube ich mich selbst der Möglichkeit zu lernen. Lerne ich meine Verletzlichkeit hingegen kennen und bin in der Lage sie einzuschätzen, kann ich mir selbst Lernschritte setzen, die mich selbst nicht überfordern.


PRAXIS TIPP

Bei der nächsten Situation, die dich herausfordert, zum Beispiel einem Spaziergang mit deinem Pferd außerhalb eures gemeinsamen Komfortraumes, dann beobachte schon vor dem Losgehen dein inneres Erregungslevel (fühlt sich manchmal an wie Angst) und ordne es auf einer Skala von 1-10 ein. Wiederhole den Vorgang während deines Spaziergangs regelmäßig und beachte dabei, dass du nicht über die Stufe 7 auf deiner selbst eingeteilten Skala gelangst. Näherst du dich der 7 ist es an der Zeit einen Schritt zurück zu machen. Mache eine Weile Pause, lasse dein Pferd grasen, oder drehe wieder um und gehe in Richtung Heimat zurück. Du hast an diesem Tag genug erreicht. Du bist nämlich im Begriff deine Komfortzone (auf der Skala 1-3 = gemütlich) zu verschieben. Beim nächsten oder übernächsten Spaziergang wirst du vielleicht ein bisschen weiter gehen können, ohne in die kritische Zone (8-10) zu kommen. Bist du mit deiner Erregung nämlich über der 7, also auf einer 8 oder 9 oder gar 10, dann bist du wahrscheinlich nicht mehr in der Lage auf dich und dein Pferd acht zu geben. Die Körperreaktionen der Menschen sind unterschiedlich. Was uns aber allen gleich ist, ist dass wir in diesen Momenten nicht mehr präsent sein können und das merkt auch unser Pferd. Bist du dir deines Erregungslevels im Zusammensein mit deinem Pferd bewusst, dann hilft dir das nicht nur durch das unangenehme Gefühl der Verletzbarkeit bewusst einige Zeit auszuhalten, sondern du sorgst auch noch selbst für deine Sicherheit und dein Pferd.



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CHRISTINA LAMSAL 

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