Führen als Dialog

Aktualisiert: Okt 29

Beim Reinholen der Pferde von der Koppel zu helfen war für mich als kleines Mädchen das allergrößte Ereignis der ganzen Woche. Dafür kam ich schon gut 2 Stunden vor meiner wöchentlichen Reitstunde zum Stall. Ich hatte im Gegensatz zu einigen meiner Freundinnen nie Angst und habe jedes Pferd geführt, das ich an den Strick bekam. Ob mir jemand erklärt hat wie das geht? Natürlich nicht. Das Einzige und wirklich Sinnvolle, das ich zum Thema Führen damals lernte, war immer einen Strick zum Führen zu verwenden. Ich hatte auch keine Probleme die Pferde direkt am Halfter zu fassen, selbst wenn das Pferd so groß war, dass es mich um einige Zentimeter überragte. Gedanken dazu, wie das wohl fürs Pferd sei, wenn da jemand an seinem Kopf hängt, hatte ich mir keine gemacht. Auch in den folgenden fast 30 Jahren war ein Pferd zu führen für mich nicht der Rede wert. Machte man halt und bei mir funktionierte es dank meiner Unvoreingenommenheit den Pferden gegenüber eigentlich immer. Ein paar Kniffe lernte und lehrte ich später, als Horsemanship populär wurde. Auf jeden Fall hatte das Pferd hinter mir zu bleiben und Abstand zu halten, aus Respekt natürlich. Aber wie stand es mit meinem Respekt? Das habe ich mich nie gefragt. Es funktionierte ja wie gesagt. Ich kam eigentlich immer von A nach B.




Und dann kam alles anders. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie herausfordernd es sein kann mit einem Pferd gemeinsam irgendwo hin zu gehen. Über ein halbes Jahr lang habe ich fast ausschließlich (ich habe in der Zeit weder geritten, noch irgendwie anders meine Pferde trainiert) geübt meine Pferde zu führen. Im wahren Sinne des Wortes die Führung zu übernehmen anstatt einfach vorweg zu rennen. Inzwischen geht es mir nicht mehr darum von A nach B zu kommen, auch nicht vom Putzplatz zur Halle, oder umgekehrt. Jeder Weg ist gemeinsam verbrachte Zeit. Ich kann solche Weg als Zeitfresser betrachten oder als Momente der Verbindung. Ich habe gelernt, dass Präsenz beim Führen alles ist und dass es meine Aufgabe ist, als diejenige, die die Führung übernimmt auch tatsächlich aufzupassen, ob Tiger oder vergleichbare pferdefressende Monster in der Nähe sind und vorausschauend Verantwortung zu übernehmen.


Natürlich werden wir Menschen nie so schnell sein in unserer Wahrnehmung und Reaktion wie Pferde das sind. Aber diese menschliche Schwäche verzeihen die Pferde uns in der Regel. Solange wir unser Bestes geben. Sind wir abgelenkt oder unter Stress übernimmt das Pferd meist sehr schnell die Führung. In Echtzeit bekommt unser Auge das kaum mit. Wir fragen uns dann, warum unser Pferd heute so "komisch" ist. Eine Videoaufnahme zeigt dann aber meist ganz klar und deutlich wie viele Situationen oder Gelegenheiten zur Kommunikation wir verpasst haben, an welchen Stellen wir das Pferd alleine gelassen oder unvorbereitet etwas abgefragt haben. Bei der Aufnahme dieses Videos war das genauso. Ich war natürlich viel angespannter als üblich, weil ich es überhaupt nicht gewohnt bin, dass jemand mit einer Kamera vor mir her läuft. Auf den Aufnahmen sieht man an vielen Stellen, dass meine Stute immer wieder testet, ob ich auch wirklich da bin. Wenn wir angespannt sind werden unsere Bewegungen eckiger, weniger fließend, der Atem stockt oder wird sehr flach unsere Augen werden raubtierhaft fokussiert. all das nehmen die Pferde in Bruchteilen von Sekunden wahr. Da hilft auch nicht so zu tun als ob alles in bester Ordnung wäre. Hier hilft nur eins: Tatsächlich im Augenblick ankommen. Präsent werden. Mit etwas Übung gelingt das immer besser.


Aber nicht nur die Tagesform und Präsenz, sondern auch unterschiedliche Pferde und Situationen stellen mich wieder und wieder vor neuen Herausforderungen. Heute ist heute und gestern war gestern. Es gibt Momente in den denke ich "jepp, jetzt hab ich´s raus! Und am nächsten Tag stehe ich vor der nächsten Herausforderung. Du kennst das wahrscheinlich?!


Heute wird dem Führen wesentlich mehr Aufmerksamkeit zuteil, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Trotzdem üben auch heute noch längst überholte Glaubenssätze und Strategien, eine übergroße Mach auf viele Pferdemenschen aus. Das ist einer der Gründe, warum das Führen oft ein sehr technisches Unterfangen bleibt. Steht die Technik im Vordergrund geht das immer zu Lasten der Verbindung.


Im folgenden möchte ich dir einige Ideen mit auf den Weg geben und dir damit vielleicht dir Türe zu einer ganz neuen Verbindung zu deinem Pferd öffnen. Vielleicht bist du aber schon lange auf dieser Fährte und kannst dir trotzdem ein paar hilfreiche Anregungen mitnehmen!


Ausrüstung: Ich führe mit einem weichen (Leder-) Halfter und einem ca. 3,70 m langen Führseil aus einer Seilerrei. Es ist ungefähr halb so dick, wie die üblichen Horsemanship Seile und liegt daher sehr gut in der Hand. Falls man dazu neigt ein Seil dieser Länge zu verknoten oder zu verlieren, ist es auch möglich ein kürzeres Seil zu nehmen. Die typischen Anbindestricke mit Panikhaken , sind mir persönlich zu kurz und liegen auch irgendwie nicht in der Hand. Ein Seil muss mindestens so lang sein, dass ich dem Pferd immer einen guten Meter des Seiles Raum geben und das Seil trotzdem noch gut halten kann. Ein Knotenhalfter kann für eine Übergangszeit die sicherere Variante sein. Mein Ziel ist es aber immer mehr von der Kontrolle durch die Ausrüstung weg zu kommen. Bei einem Halfter sollte man darauf achten, dass der Ring, in den das Seil eingehängt wird frei beweglich ist (es gibt genauso häufig fest eingearbeitete Ringe). So werden deine Signale am Seil klarer und softer.


Innere Haltung: Wenn ich mit meinem Pferd irgendwohin gehe, dann möchte ich dies mit ihm gemeinsam tun und bin mir bewusst, dass ich als Mensch in der Menschen-Umwelt, in der mein Pferd für mich lebt die Verantwortung trage. Sollte es eine Gefahr geben, muss ich natürlich immer handeln und es nicht dem Pferd überlassen die Situation zu entschärfen. In der GFK (Gewaltfreien Kommunikation) nennt man das den "Beschützenden Gebrauch von Macht", der immer und ausschließlich der Sicherheit dient. Abgesehen von solchen Situationen habe ich die Haltung dem Leben zu dienen, also überlege ich mir, inwiefern unser gemeinsamer Gang meinem Pferd dienen kann. Möglicherweise hat der Spaziergang eine förderliche Auswirkung auf unsere Verbindung, indem ich meinem Pferd zeige, dass ich für seine Sicherheit sorgen kann. Ich gehe dann selbstbewusst vorweg, scanne regelmäßig den Horizont nach Fressfeinden und, sofern kein Tiger in Sicht ist, atme ich entspannt wieder aus. Ein anderes Mal kann ich den Ansatz verfolgen mein Pferd darin zu unterstützen über sich herauszuwachsen, indem ich mich ein Stückchen nach hinten fallen lasse und meinem Pferd die Führung überlasse. Ich gehe dann ungefähr auf Position der Schulter, anstatt wie meist Mitte Hals oder auf Höhe des Auges. Logisch, dass sich meine Einwirkung und das was ich "tute" in beiden Fällen unterscheidet. Abhängig ist das natürlich in erster Linie von der Persönlichkeit meines Pferdes und unserer Beziehung.


Gras: Meine Pferde wollen ständig irgendwo Gras essen. Schaffe ich es so präsent zu sein, dass ich ohne Zug und Druck verhindern kann, dass der Kopf am Wegesrand im Gras abtaucht, dann .... hängt das Maul im Baum im satten Grün (siehe Video). Meine Stuten haben es raus mich ganz schön auszutricksen. Ein leidiges Übel, das wohl jeder Pferdemensch kennt und ein ganzes Thema für sich. Ich möchte daher nur kurz erzählen, was meine Lösung dafür aussieht. In dem Video seht ihr mich mit meiner Hannoveranerstute Blume. Es gelingt mir meistens sie davon zu überzeugen nicht mit der Nase im Gras abzutauchen, indem ich die Führhand leicht in Richtung ihres Auges anhebe (mit Abstand natürlich). Ich begleite das Signal, das bedeutet, "ich habe gesehen, dass du fressen möchtest, aber ich möchte jetzt gerne weiter gehen" sporadisch auch noch mit einem kurzen, aufmunternden Schnalzen.


Die Strategien der Pferde werden übrigens immer ausgefeilter, je besser wir werden! Im letzten Teil des Videos siehst du, wie sie das Schnuppern an einem Äppelhaufen eines anderen Pferdes nutzt, um mit der Nase im Gras zu verschwinden. Sehr geschickt von ihr und ich habe im ersten Moment noch aufgepasst, es dann aber, wie man sehen kann, viel zu spät gecheckt. Immerhin kann ich meinen Impuls am Seil, zu ziehen unterdrücken, warte kurz bis sie zwei Maul voll Gras gefressen hat. Dann schiebe ich vorsichtig meinen Fuß zwischen Gras und Maul und gebe wieder mit einem Schnalzen begleitet einen Impuls zum Weitergehen. Das funktioniert ziemlich gut. Aber auch diesen "Trick" kennen die Pferde natürlich spätestens beim dritten Versuch und legen ihrerseits eine neue Strategie nach. Erfolgreich werden wir damit nur sein, wenn wir unsere innere Überzeugung in Energie umwandeln und dem Pferd glaubhaft machen können, dass wir "unbedingt jetzt weiter gehen müssen"!


Gerte: Üblicher Weise führe ich immer ohne Gerte. Seit ich absichtlich "verlernt" habe damit zu wie früher treiben, nehme ich in bestimmten Fällen eine Gerte als verlängerten Arm wieder mit, um die Kommunikationszonen auch mit etwas mehr Führ-Abstand gezielt ansprechen zu können. Ich empfehle aber erstmal ohne Gerte zu üben, denn sonst kommt man wirklich nie los von der Idee das Pferd anzutreiben, wenn es stehenbleibt. Für mich waren und sind das die schwierigsten Momente, in denen es nicht weiter geht. Dem Pferd dann zu vermitteln "Wir haben alle Zeit der Welt" und souverän und geduldig zu bleiben stellte mich je nach Tagesform vor eine große Herausforderung oder ließ mich sogar in eine mittelschwere Kriese stürzen. Würde ich an diesen Stellen einfach mit der Gerte treiben, so würde ich gar nicht mitbekommen, dass ich mal wieder durch den Tag renne, "als gäbe es kein Morgen". Und mein Pferd auch noch dazu auffordern das gleiche zu tun, anstatt mich der heilsamen Pferdeenergie und dem Rhythmus des Lebens hinzugeben. Inzwischen gibt es kaum noch Tage, an denen wir immer wieder stehen und wenn doch, dann stelle ich meist fest, dass ich mal wieder meine Mitte verloren habe und der Kopf vorausgeeilt ist.


Viel Freude beim Ausprobieren mit deinem Pferd!







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CHRISTINA LAMSAL 

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